Berufswahl und Lehrstellensuche sind ein Marathon.

Liebe Lehrpersonen und Eltern: bitte gebt den Jugendlichen Zeit dafür!

Vera Bossart ist Personalfachfrau, hat in Unternehmen Lernende betreut, unterrichtet in den überbetrieblichen Kursen Branchenkunde und bildet Berufsbildner aus. Sie kennt alle Facetten der Berufsbildung aus langjähriger Erfahrung.

Vera Bossart, beschreiben Sie uns Ihren eigenen Werdegang?
Ich war zu faul fürs Gymnasium, wollte eigentlich Opernsängerin werden, lenkte ein, erst etwas Richtiges zu lernen und landete in der KV-Ausbildung in einer kleinen Spedition. Mein Chef überliess mich und meine Kollegin uns selbst – von Betreuung keine Spur.


Das ist der Grund, weshalb Sie heute Berufsbildner ausbilden?
Genau, ich habe meine Berufung gefunden! Es gibt sooo tolle, aber auch sooo schlechte Ausbildner. Dabei ist die Funktion unheimlich wichtig – für die jungen Berufsleute, aber auch für unsere Wirtschaft. Trotzdem wird sie innerhalb der Unternehmen kaum wertgeschätzt, geschweige denn honoriert. Ich versuche mein Wissen und meine Leidenschaft für die Berufsbildung weiterzugeben. Jugendliche entscheiden sich aufgrund der Personen im Unternehmen für oder gegen eine Lehrstelle und über eine gute Beziehung lassen sich fast alle Schwierigkeiten meistern. Ein gut ausgebildeter und begeisterter Berufsbildner zahlt sich also für beide Seiten aus.


Ihr Herz schlägt für die Berufslehre. Weshalb empfehlen Sie Jugendlichen diesen Weg?
Ich empfehle das Gymnasium nur denen, die leicht und gerne lernen und die schon wissen, was sie nach der Matura studieren wollen. Viele Studierende brechen heute bis zu dreimal ab, um den passenden Studiengang zu finden – das tut weder der Wirtschaft noch dem Ruf unserer Universitäten gut.

Alle anderen sind meiner Meinung nach mit der Berufslehre besser bedient. Die Lehre ist eine Grundausbildung. Ich empfehle, diese, wenn immer möglich, mit der Berufsmittelschule zu ergänzen. So stehen jederzeit alle Türen offen für Weiterbildungen, sogar für ein späteres Studium. Die Kombination aus Praxiserfahrung und theoretischem Fundament ist unschlagbar und bietet die besten Zukunftschancen – das belegen Studien.
 

Die passende Lehrstelle zu finden ist eine Herausforderung – zumal im schwierigen Teenager-Alter. Welches Vorgehen empfehlen Sie?
Das Wichtigste: Druck wegnehmen! Die Jugendlichen haben ein Jahr Zeit, die richtige Lehrstelle zu finden. Die sollten sie nutzen. Aussagen, dass spätestens im November alle guten Stellen bzw. alle guten Lernenden weg sind, machen mich wütend. Und sie stimmen nicht. Aufgrund des Drucks von Schule und Eltern unterschreiben Jugendliche oft den erstbesten Vertrag – und müssen sich dann drei oder vier Jahre lang jeden Morgen aus dem Bett quälen für etwas, wozu sie absolut keine Lust haben. Möchten Sie das?

Meine Empfehlung; schnuppern, schnuppern, schnuppern! Auch mal einen Beruf ausprobieren, der nicht auf der Hand liegt. Und den Wunschberuf in verschiedenen Unternehmen schnuppern. So finden Jugendliche heraus, ob ein Beruf den Vorstellungen entspricht und in welchem Unternehmen sie sich wohlfühlen.

In der Schweiz ist es zwingend – weil Voraussetzung für jede Art der Weiterbildung –eine abgeschlossene Berufslehre oder eine gymnasiale Matura vorweisen zu können. Der Lehrabschluss gelingt umso einfacher, je besser die Lehrstelle passt. Deshalb: Nicht husch husch irgendetwas nehmen!


Wie können Schule und Eltern unterstützen?
Den Schulen empfehle ich: Holt Leute aus der Wirtschaft ins Klassenzimmer. Lasst Bekannte, Mütter, Väter und Lehrlinge über ihr Berufsleben bzw. den Alltag in der Ausbildung erzählen. Über das Programm «renta-stift» beispielsweise kommen Berufslernende im zweiten Lehrjahr in die Schule und berichten live von ihren Erfahrungen. Die Eltern bitte ich; entschleunigen Sie und lassen Sie Ihre Kinder Erfahrungen machen. Es ist kontraproduktiv, wenn Sie die Bewerbungen schreiben und Ihre Tochter oder Ihren Sohn zu jeder Schnupperstelle chauffieren. Jugendliche, die noch nie auf Widerstand gestossen sind,
haben es schwerer im nachschulischen Leben.


Es ist aber schon so, dass schulisch Schwächere es schwieriger haben, die Traumlehrstelle zu bekommen.
Die schulisch Besten sind nicht zwingend die besten Berufslernenden – das predige ich, wenn ich Berufsbildner schule. Aber ja, mit einem tollen Zeugnis hat man es einfacher.

Gute Karten haben aber auch Lehrstellensuchende, die mit anderen Qualitäten punkten: wer beispielsweise in Ferienjobs gearbeitet hat oder sich ehrenamtlich engagiert – jetzt gerade beispielsweise für ältere Menschen einkaufen geht – kann soziale Kompetenzen vorweisen, mit denen er allen einen Schritt voraus ist.

Jugendliche können sich auch coachen lassen. Die Gotte oder der coole Nachbar eignen sich hierzu oft besser als die Eltern. Zudem können sie ihr Netzwerk nutzen: Bekannte haben ein Unternehmen, die Nachbarin arbeitet in einer Werbeagentur und den Koch vom Restaurant schräg gegenüber kennt man auch? Fragen darf man alle!

Auch empfehle ich das Jugendprojekt LIFT. Dieses von den Schulen finanzierte Integrationsprogramm unterstützt Jugendliche mit erschwerter Ausgangslage beim Eintritt in die Berufswelt. Über sogenannte Wochenarbeitsplätze – Freiwilligenarbeit in lokalen Betrieben in der schulfreien Zeit – entdecken Jugendliche ihre Fähigkeiten, werden auf die Lehre vorbereitet und bekommen Referenzen für die Lehrstellensuche.


Stichwort Digitalisierung: welche Jobs bzw. welche Berufslehren haben Zukunft?
Die Digitalisierung verändert Berufsbilder. Es gibt Arbeiten, die automatisiert werden, es entstehen aber auch neue Tätigkeiten. Wer Chancen haben will – egal in welchem Beruf – muss neugierig und flexibel bleiben und sich weiterbilden. Zukünftig werden Sprachen immer wichtiger, ebenso wie emotionale Intelligenz, Sozialkompetenz und Eigeninitiative.

Vera Bossart, Ihr Ziel ist es, Jugendliche zum Fliegen zu bringen. Wir sind sicher, das gelingt Ihnen! Ganz herzlichen Dank für das Gespräch.


Bossart HR Solutions: Individuelle Begleitung von Jugendlichen bei der Lehrstellensuche, dem Erstellen des Lebenslaufs, der Vorbereitung auf Schnupperlehren oder Vorstellungsgespräche | Workshops für Schulklassen der Oberstufe | Betriebliches Mentoring für Mitarbeitende aller Stufen