"Ich sehe das Internet als riesengrosses Museum"

Philippe Wampfler kennt sich aus mit Lernen und Lehren; er ist Dozent für Fachdidaktik an der Universität Zürich und unterrichtet an der Kantonsschule Enge.

Seit über 20 Jahren beschäftigt er sich mit dem Thema Bildung und Technologie – durch unabhängige Forschungstätigkeit, die Mitarbeit in Expertengruppen, bei «Schule Social Media» sowie als Autor.

 

 

Herr Wampfler, wir sprechen uns während des Corona- Lockdown. Wir alle kommunizieren vermehrt über Videokonferenzen, auch die Lehrpersonen zum Vermitteln des Schulstoffes. Zu welchen Veränderungen führt diese Ausnahmesituation?

Dank Corona überwinden wir Hürden. Wir sind gezwungen, Dinge auszuprobieren, und merken: Aha, so funktioniert das. Das bringt uns weiter. Digitale Hilfsmittel machen räumlich unabhängig. Wir erleben, dass Lernen nicht nur im Schulhaus möglich ist, dass es weitergeht, auch ohne persönliche Präsenz. Positiv ist, dass wir uns schrittweise an ein offeneres, breiteres Lernen herantasten. Wir erleben aber auch, dass rein digitaler Unterricht nicht gleich viel Spass macht wie das Lernen im Schulumfeld – mit den Klassenkameraden und mit der Lehrperson.


Digitale Geräte und Plattformen – Smartphones, soziale Medien – sind allgegenwärtig. Dienen sie nicht vorrangig der Unterhaltung und Zerstreuung?

Kinder und Jugendliche lernen informell. Sie lösen Problemstellungen, indem sie schauen, wie das Umfeld die Herausforderung anpackt. Nun kann das informelle Lernen aber auch zur Aneignung professioneller Kompetenzen genutzt werden. Jugendliche müssen lernen, das Smartphone wegzulegen. Sie müssen lernen, sich zu konzentrieren, ohne dass sofort ein Feedback, eine Belohnung – beispielsweise ein Like – winkt. Sie müssen lernen, sich in Geduld zu üben.


Hört sich gut an. Wie initiiere ich das als Lehrperson?

Ich denke, es braucht ein Verständnis für die Jugendkultur. Jugendliche arbeiten im Prinzip nach dem Design-Thinking-Ansatz mit den Geräten: einer Kombination aus Beobachten, Ausprobieren, Anregungen Bekommen, Gedankenblitze Haben, es anders Probieren, Verstehen – so lernen sie.

Also probiere ich gemeinsam mit meinen Schülerinnen und Schülern etwas aus. Als Lehrperson stelle ich die Rahmenbedingungen auf, achte darauf, dass diese eingehalten werden und es allen gut geht. Das gemeinsame Ausprobieren ist offen, es ist echt und es funktioniert in der Gruppe, im sozialen Umfeld der Lernenden.

Meine Rolle als Lehrperson hat sich verändert. Ich gebe übrigens nicht vor, dass das Arbeiten im digitalen Raum vor allem lustig ist. Ich mache deutlich, warum es wichtig ist, an einer Aufgabe dranzubleiben und sie zu lösen, und ich ermögliche Erfolgserlebnisse. Die Jugendlichen sollen stolz sein auf das, was sie geschafft haben, auf ihr Produkt. Das stärkt den Selbstwert und macht Lust auf mehr.


Was heisst das konkret für Ihren Unterricht?

Ich nehme die Position des interessierten Zuschauers ein, stöbere selbst im Netz. Nehmen wir als Beispiel den Französischunterricht: Was bewegt Jugendliche im französischen Sprachraum? Wo im digitalen Raum halten sie sich auf? Welche Apps nutzen sie? Was machen sie gleich oder anders als wir? Oder nehmen wir den Umgang der Jugendlichen mit Text. Der ist anders als vor 20 Jahren. Heute nutzen sie Hörbücher über Spotify, das berücksichtige ich in meinem Unterricht.

Für mich ist das Internet ein riesengrosses Museum, ein Fundus. Ich versuche die Exponate zu finden, die die Lernenden interessieren. Um zu wissen, ob ich richtig liege, frage ich die Jugendlichen. Und dann probieren wir zusammen etwas aus. Nicht alles gelingt. Aber auch das, was nicht gelingt, bringt uns weiter.

Vielen Dank, Herr Wampfler! Auch für die Inspirationen, Tipps und weiterführende Lektüre, die wir in der Infospalte gesammelt haben.